Marc führt die rote Rotte an

Buchs Heimatkundlicher Streifzug entlang der Grenze

Quelle: Furttaler, 29. Mai 2009. Beatrix Bächtold

Dächlikappe auf dem Kopf, die rote Fahne stramm nach vorne gereckt zieht Marc Ambühl los. Dem jungen Buchser auf den Fersen - die rote Rotte. Erkennbar am roten Banntagsknopf, den die Männer und Frauen tragen. Um zur roten Rotte zu gehören, muss man östlich der Oberdorf- oder Bahnhofstrasse wohnen. Die Route, die die Gruppe in den nächsten drei Stunden bewältigen wird, ist geheim. Nur der Rottenmeister weiss Bescheid. Insgesamt 300 Teilnehmer teilen sich in rote und blaue Rotten. Ein Dutzend Neuzuzüger sind auch dabei. «Die Wanderung ist informativ und wirkt Wunder gegen Anonymität und Einsamkeit», erklärt Tobler. Er selbst sei vor 36 Jahren zum ersten Mal dabei gewesen. Sein Schwiegervater Konrad Grendelmeier war Gründungsmitglied des Buchser Banntags. «Kurt, kannst grad mitkommen», habe dieser kurz und bündig bestimmt. Seitdem ist Tobler dabei.

Marcs rote Fahne streift den Boden, als seine Rotte den alten Bahnhof erreicht. 1960 ist hier die letzte Dampflok durchgerattert. Fahrkarten seien durch einen vergitterten Schalter verkauft worden, und Scheiben wurden damals schon eingeschlagen, weiss die Chronik. Tobler liest aus einer Statistik des Jahres 1764: Zwei starke Stunden von Zürich, an der Mittagsseite des Lägernbergs liegen 50 Häuser, grasen 233 Haupt Vieh und wohnen 410 Menschen.

«Heute ist es viel enger geworden. Da muss man gut miteinander auskommen», sagt Tobler. Der Banntag soll dazu beitragen. 7000 Franken Defizitgarantie lässt sich die Gemeinde Integration, Heimatfindung und Gemütlichkeit kosten.

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Marc muss seiner Schwester Angela die Fahne abtreten. «Sie wurde schwer. Marc ist halt noch ein Kleiner», sagt sie. Marc protestiert. Die Rotte schnauft den Schipkapass hinauf. Gräser duften, Grillen zirpen, der Sommerwind trägt fröhliches Geplauder über grüne Hügel. «Ich tippe auf Geschnetzeltes und Knöpfli», meint Gabi Maurer. Seit ihrer Kindheit sei sie immer am Banntag dabei gewesen und jedesmal habe es zum Abschluss dieses Menü gegeben. «Vor 200 Jahren sind die Menschen hier im Krähstel verhungert. Französische Soldaten holzten die Wälder ab und plünderten», erzählt Tobler. Eine Kutsche mit gehbehinderten Teilnehmern zieht vorbei.

«Meine Dächlikappe und die Fahne sind weg», schreit Marc. Tränen kullern, während Brunnenmeister Heinz Matter von den 1,4 Millionen Liter Wasser erzählt, die das Dorf pro Tag verbraucht. Die rote Rotte zieht weiter auf heissem Asphalt, dann durch kühlen Wald. Ein Neuntöter beobachtet die Wandervögel vom Ast eines gemeinen Schneeballs. «700 Arten wirbellose Tiere leben in dieser 800 Meter langen Hecke», erzählt Tobler. Die Gemeinde hat dafür eine beratende Arbeitsgruppe Wald und Feld eingesetzt und freut sich nun über eine unglaubliche Artenvielfalt. Marcs Dächlikappe und die Fahne bleiben verschollen. Die rote Rotte ist trotzdem am Ziel. Es gibt Geschnetzeltes und Knöpfli.